Topographie

In der Kunstwissenschaft gilt die Stadtansicht als Sonderfall der Landschaftsdarstellung. Stadtansichten im eigentlichen Sinn gibt es erst seit dem Ende des Mittelalters bzw. seit dem Beginn der Neuzeit. Bis zum Mittelalter waren die Darstellungen symbolisch-allegorisch: Rom wurde als Mittelpunkt der Welt dargestellt, Jerusalem galt als das "himmlische Jerusalem". Im Mittelalter wurden Ansichten von Städten häufig in biblische Darstellungen eingebunden.

Geschichte

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts setzte von der altniederländischen bzw. altfranzösischen Malerei her die Darstellung einer Raumillusion ein. Erste authentische und topographisch "richtige" Stadtansichten finden sich besonders als Hintergrund biblischer Motive auf Altären. Andere Stadtansichten entstanden zur Erinnerung und Mahnung an kriegerische Zusammenstösse oder Belagerungen.

2 Farbaquatintas von London um 1800


Landschaftsdarstellungen lösten sich sehr langsam vom religiösen Zusammenhang. Dürers Bilder sind die ersten, die eine Stadt so abbilden sollten, dass ein Betrachter sie in den Einzelheiten wiedererkennen konnte; allerdings bilden sie zu seiner Zeit einen einsamen Höhepunkt und blieben ohne nennenswerte Nachwirkungen: es ging ihm nur um die Betrachtung der Stadt, nicht um symbolische oder didaktische Ziele.
Der grösste Teil der Stadtansichten dieser Zeit hat zum Grossteil das charakteristische Aussehen von Holzschnitten, denn neu und zeitgemäss war zu dieser Zeit die Druckgraphik. Die Technik des Buchdrucks eröffnete neue Möglichkeiten der Darstellung und der Verbreitung von Bildern. Die Elite des Humanismus war an topographischen Informationen interessiert. An der Exaktheit haperte es anfangs noch etwas: In den ersten gedruckten Stadtansichten von ca.1470 waren für sechs Städte die gleichen Druckplatten verwendet worden. Die Stadtansichten wurden noch stark schematisiert.




2 Stadtansichten aus der Zeit um 1580:

  • oben:
    Ansicht von Kempten / Allgäu "Campidonis vulgo Kemptten" Gesamtansicht von der Höhe, Radierung mit 3 Wappen und Legende aus Braun und Hogenberg, 34 x 44,5 cm
  • unten:
    Gesamtansicht von Ulm über die Donau "Wahrhaffte Contraehtung der Reichsstatt Ulm..." Holzschnitt aus einer deutschen Ausgabe von Sebastian Münster "Cosmographie", 22 x 37 cm Holzschnitt-Einfassungslinie, gedruckt auf dem vollen Doppelblatt


1492 erschien in Nürnberg die Weltchronik des Arztes Hartmann Schedel, die berühmte "Schedelsche Weltchronik". Von den 68 abgebildeten Städten der Erstausgabe sind jedoch nur 30 topographisch einigermassen genau. Das grösste Problem der beiden an dieser Chronik beteiligten Künstler war es, entsprechende Vorlagen für die Bilder zu erhalten, denn an Reisen in jede einzelne Stadt war nicht zu denken. Einer der beiden Künstler war Michael Wolgemut, Lehrer von Albrecht Dürer. Ihm verdanken wir die erste Stadtansicht von Salzburg.
In Italien entwickelten sich Landschaftsdarstellungen selbständig weiter. 20 Jahre vor Albrecht Dürers Aquarellen hatte Leonardo da Vinci in einer Federzeichnung die erste "reine" Landschaft ohne Menschen in einer Federzeichnung geschaffen. Es entstanden grosse und sehr grosse Stadtansichten mit mehreren Quadratmetern Fläche, die mittels mehrerer Druckstöcke gedruckt werden mussten. Erst ein halbes Jahrhundert später versuchten sich Künstler im deutschsprachigen Bereich an solchen Monumentaldrucken.
Auch im 16. Jahrhundert gab es noch Drucke, die reine Phantasie-Stadtansichten enthielten. Durch den Buchdruck wurden Stadtansichten für die Malerei uninteressant. Detailgenaue und exakte gemalte Stadtansichten sind daher sehr selten. Der Holzdruck galt zu dieser Zeit schon nicht mehr als optimale Lösung, aber andere Verfahren waren teuer. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts setzten sich zunehmend Radierung und Kupferstich für die Vervielfältigung der Bilder durch.
Stadt- und Landschaftsansichten entwickelten sich zum lukrativen Geschäft, es wurden zur Herstellung Betriebe gegründet und manche Werke erschienen unter dem Titel "Topographie" oder "Cosmographie" in mehreren Auflagen.

Verhältnismässig populär sind "Merian-Stiche". Unter der Leitung des Verlegers Matthaeus Merian d.Ä. entstanden so viele Stadtansichten, dass seine Bilder in europäischen Stadtgeschichten häufig anzutreffen sind. Er lernte zu Beginn des 17. Jahrhunderts in Zürich das Handwerk des Kupferstechers, heiratete die Tochter eines Verlegers, gründete eine eigene Werkstatt und übernahm bald den Verlag des Schwiegervaters in Frankfurt. Er begann mit der Herausgabe eines "Theatrum Europaeum", das bis weit ins 18. Jahrhundert erschienen ist und auf 19 Bände anwuchs. Eine weitere Reihe, die "Topographia" brachte es innerhalb weniger Jahre auf 30 Bände und enthielt etwa 100 Karten und 2.150 Ansichten. Merian gab seine künstlerische Tätigkeit auf und war ausschliesslich mit der Leitung seines Unternehmens beschäftigt. Bis heute sind rund 60 Künstler bekannt, die an diesen Ansichten beteiligt waren. Mehrere bekannte Künstler, manche waren Schüler von Merian, arbeiteten zumindest zeitweise in der Merian-Werkstatt.


2 Kupferstich-Grundrisspläne aus der Mitte des 17.Jhrd.:

  • links: Grundrissplan Augsburg von M.Merian
  • rechts: Grundrissplan Hamburg eines unbekannten Stechers aus der Zeit um 1680


Kunstwissenschaftlich sind Stadtansichten für die Entwicklung der Perspektive interessant, da sich besonders hier die Entwicklung der Bewältigung der perspektivischen Probleme offenbaren. Die Darstellung verlangte von Künstlern einige Vorstellungskraft, besonders bei der Wahl eines erhöhten Standpunktes, in den sich der Künstler selbst versetzen musste.
Im Zuge des Humanismus stiegen die Ansprüche hinsichtlich wissenschaftlicher Exaktheit: bei der Wahl des Fluchtpunkts, in der Darstellung von Horizont und Höhenverhältnissen sowie Distanzen wird die Zentral- oder Linearperspektive von der Parallelperspektive, wo weiter Entferntes genauso gross erscheint wie Dinge in der Nähe, unterschieden. Die Parallelperspektive ist die ältere Form, die aber am Beginn der Neuzeit noch gelegentlich verwendet wurde, vor allem dann, wenn der Zweck einer Stadtansicht in die Nähe einer Stadtkarte rückte. Allerdings galt die Parallelperspektive zunehmend als rückständig und konservativ.


Mathaeus Merian
"Ansicht von Wien"
alt-kolorierter Kupferstich


Sammeln

Das rein topographische Sammeln liegt in der Natur der Sache selbst und beschäftigt sich zwangsläufig mit regional begrenzten oder erweiterten Städtemotiven und Stadtansichten. Als Spezialgebiet kann auf jeden Fall das Sammeln von Guckkastenblättern gelten.
Ausserdem können Stadtansichten auch wissenschaftlich interessant sein, z.B. durch Betrachtung unter folgenden Gesichtspunkten:

 

  • den umgebenden Naturraum, in den eine Stadt eingebettet ist: Flussläufe, heute möglicherweise mit verändertem, reguliertem, meist niedrigerem Wasserstand sind häufig erkennbar; ehemals bestandene Waldflächen, Wiesen oder Weiden sind oft mit relativer Genauigkeit dargestellt
  • die Baugeschichte: Stadtansichten können hier archäologische Funde und literarische Berichte gut ergänzen. Besonders interessant sind herrschaftliche weltliche oder geistliche Gebäude, Plätze, Brücken, Kanäle sowie häufig schon mehrfach umgebaute und ergänzte Wehrbauten (Stadtmauern, Türme, Brücken, Befestigungsanlagen jeder Art); viele Stadtansichten geben auch Informationen über Baumaterialen, das heisst vor allem das Verhältnis von Holz- und Steinbauten zu bestimmten Zeitpunkten, aber auch über Eigenarten der Bautypen und Baustile
  • die Machtverhältnisse einer Stadt: abzulesen an der Grösse und Höhe entsprechender Bauten, an Geschlechtertürmen etc. Der bauliche Umfang, besonders aber die Höhe von Gebäuden ist ein einfaches, aber wirksames Mittel der Manipulation. Das kann in einer Stadtansicht gelegentlich Aufschluss geben über die politischen Motivationen bzw. über mögliche oder wahrscheinliche Auftraggeber eines Bildes.
  • die wirtschaftlichen Verhältnissen und das Gewerbe: dafür sind meist die Vorstädte interessant. Hier können je nach Region und Bedeutung der Stadt zahlreiche Gewerbebetriebe ausgemacht werden: Mühlen, Bergwerksschächte, Handelshäfen, Ziegeleien, Weinanbau, eingezäunte Wiesen und Weiden als Zeichen dafür, dass aus den Städten heraus Landwirtschaft betrieben wurde usw.
  • die rechtlichen Verhältnisse einer Stadt, besonders dann, wenn militärische Inhalte Anlass sind, eine Stadt darzustellen. Manchmal werden auch Richtstätten ausserhalb der Stadt dargestellt, bei sehr detailgenauen Darstellungen auch sog. Weichkreuze oder Weichbilder, die den Anfang bzw. das Ende des gerichtlichen Zuständigkeitsbereiches einer Stadt markieren.
  • die lokale Stadtgeschichte, in die die anderen genannten Bereiche einfliessen.

Für einen wichtigen Bereich der Stadtgeschichtsforschung bleiben Stadtansichten jedoch leider zum Grossteil stumm: für das alltägliche Leben in der Stadt und die sozialen Verhältnisse. Für diesen Bereich der Forschung sind andere Arten von Quellen interessanter.

 

2 Aquatinta-Radierungen aus der Zeit um 1800:

  • links:
    Ansicht der Binnenalster in Hamburg, 22 x 32 cm, altkoloriert, aus R.Bowyer "An illustrated record of important events in the annals of Europe, during the last four years", erschienen bei Bensley for Bowyer in London, 1815
  • rechts:
    Ansicht von Dresden über die Elbe auf die Altstadt, 22 x 34,5 cm, beikoloriert in Sepia, von LeCoeur, erschienen bei Genty in Paris um 1800

Meilensteine der Standansichten

  • "Schedelsche Weltchronik"
  • Sebastian Münsters "Cosmographia"
  • Braun und Hogenberg
  • Merian

Literatur

  • Frank-Dietrich Jacob "Historische Stadtansichten" Leipzig 1982
  • Hartmut Boockmann "Die Stadt im späten Mittelalter" München 1986

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